Die Sendung des Heiligen Geistes (Apg 2,1-6)

Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.

Die überromantisierte und oft bereinigte Version dieser Erzählung der Menschen im Pfingstsaal schaut über etwas Wesentliches hinweg. Diese Menschen fühlten sich bedroht. Und sie haben in Jesus einen geliebten Menschen verloren. Das heißt, sie haben auch die Geborgenheit verloren, die sie in seiner Gegenwart kannten. Weg ist die Vitalität und Lebensfreude, die sie mit ihm genossen hatten. Die Kreativität und die Möglichkeit sie einzusetzen, sind gelähmt, denn auch wenn sie zusammen beten, tun sie es abgeschlossen von einer Welt, die ihnen das genommen hat. Diese lähmende Erfahrung hat ihnen die Chance genommen, das Leben der Welt zu gestalten.

Diese Gefahr existiert auch heute. Unsere Fragen zeugen davon. Was machen wir jetzt? Wie geht es weiter? Wir könnten vor Angst erstarren. Wir könnten resigniert abwarten, bis der Virus endlich bei uns einschlägt. Oder wir könnten die Pfingsthaltung einnehmen auf dem Weg des Lichtes. Wir könnten uns vom Geist Gottes, der alles, was unsere Beheimatung ausmacht, liebt und schätzt, in Bewegung setzen lassen. Denn das erste Geschenk des Geistes ist die Bewegung: Zungen werden entfesselt, Mut von der Leine gelassen, Jünger verlassen das Haus und Menschen aus Fleisch und Blut wagen Begegnung und Gespräch genau mit denen, die sie vorher gemieden haben. Der Geist Gottes bewegt uns ins Herz einer Welt, die von Angst überfüllt ist.

Die Welt außerhalb des Pfingstsaals ist nach dem Kommen des Geistes nicht weniger bedrohlich als vorher. Wir singen mit Worten aus Psalm 104,30 »Sende aus deinem Geist, und das Antlitz der Erde wird neu«. Die Pfingstgeschichte lehrt uns, dass der Geist zwar das Antlitz der Erde erneuern mag, aber nicht ohne uns. Das Angebot Gottes ist nicht, dass der Geist zuerst die Erde erneuert und dann kommen wir aus unseren Verstecken herausgekrochen. Der Geist erneuert die Erde, indem er die Menschen verwandelt, die auf dieser Erde wandeln. Die Welt außerhalb des Pfingstsaales bleibt vor und nach der Sendung des Geistes die gleiche. Die Menschen werden verwandelt.

Die Tage der Corona werden vorbeigehen. Wir werden noch zusammen sein. Und wir werden Angst haben. Wir werden die Welt fürchten, vor der wir solange isoliert waren. Wir werden Angst haben vor Kontakt, Berührung und Begegnung. Ängste, die wir bewusst gepflegt haben, werden wir nicht so schnell wieder abstreifen können. Nur weil wir Erlaubnis bekommen, aus dem Kokon der Isolation hervorzukommen, heißt nicht, dass wir es tun wollen.

Der Geist befreit jede Generation der Glaubenden von der lähmenden Angst.

von Erik Riechers SAC